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Zitate - Werk - Das Papierhaus (Carlos Maria Dominguez) - (1)



                

»Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb ich Bücher für einen eventuellen Gebrauch in ferner Zukunft aufhebe - von meinen heutigen Lesestrecken weitab gelegene Titel, die ich vielleicht nur einmal gelesen habe und in vielen Jahren kein zweites Mal aufschlagen werde. Vielleicht nie. Aber, wie könnte ich mich beispielsweise vom Ruf der Wildnis trennen, ohne eine der wenigen Erinnerungen aus meiner Kindheit zu verlieren, oder von Zorba, mit dem ich die Tränen meiner Jugend verbinde, von Die fünfundzwanzigste Stunde und all den anderen, vor vielen Jahren in die obersten Schrankfächer abgeschobenen Bücher, die mir in schweigender Vollständigkeit die gegenseitig geschworene heilige Treue halten.
Häufig ist es schwerer, ein Buch loszuwerden, als es zu bekommen. Durch einen Pakt aus Bedürftigkeit und Vergessen sind sie an uns gebunden wie die Zeugen niemals wiederkehrender Augenblicke in unserem Leben. Solange sie da sind, können wir uns wenigstens einbilden, diese anzuhäufen. Ich kenne Leute, die jede Lektüre sorgfältig verbuchen, mit Tag, Monat und Jahr, sozusagen einen Kalender ihrer geistigen Erwerbungen führen. Andere schreiben ihren Namen auf die erste Seite und verleihen ein Buch erst, wenn sie den Empfänger mit Datum in ein Notizbuch eingetragen haben. Ich habe Bücher mit Stempeln wie in öffentlichen Bibliotheken gesehen und solche, in denen ein Kärtchen des Besitzers steckte. Niemand hat es gern, wenn ihm ein Buch abhanden kommt. Lieber verlegen wir einen Ring, eine Uhr oder unseren Schirm als ein Buch, das wir vielleicht nicht mehr lesen werden, das aber mit dem vertrauten Klang seines Titels ein altes, vielleicht verlorengegangenes Gefühl in uns wachruft.«
(Das Papierhaus)


 
Das Papierhaus
Das Papierhaus
(Carlos Maria Dominguez)


Zitate aus Werken von Carlos Maria Dominguez


  • Das Papierhaus (1)



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