Literarisches Werk




Übersicht


Originalsprache : Deutsch
Genre : Science-Fiction, Krimi
Thema : Sinnsuche

Kurzbeschreibung


»Die Mission« ist ein Roman von Olaf von der Heydt. 1998 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.

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Vom Erhabenen zum Grotesken – und zurück
Ein deutscher Autor mit skurrilem Humor, der durch eine vermeintliche Abgeklärtheit nicht zynisch wird, sondern mit Mutterwitz geerdet ist, das ist selten. „Das eigentliche Vergnügen an der Arbeit des Schriftstellers“, erklärte der amerikanische Autor Walker Percy, „sind die Kontraste zwischen dem Schreiben als Möglichkeit, das Leben zu ordnen, und der darin berichteten alltäglichen Unordnung“. Solche Kontraste sind auch im Werk des Olaf von der Heydt sichtbar. In seinem Roman, »Die Mission«, läßt von der Heydt den Kommissar Holger Heinick allmählich den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Er kommuniziert, im abgeschnittenen Infinitiv der Sprechblasen von Comics zu können, weil diese Redeform die eheste Gegenwart ist. Man fragt sich ob man Zeitgeschichte auch in dem Sinn verstehen lasse, daß Zeit übereinandergeschichtet wird. Um das Gewicht dieser geschichteten Zeit aus halten zu können, würden selbst Comic–Superhelden die Mundwinkel vor Weltekel nach unten hängen. Olaf von der Heydt beschreibt in nüchternen Sätzen, emotionslos und klar, wie das Leben dieses Kommissars aus den Fugen gerät. Es ist eine satirische Mischung aus Kriminalroman, Agententhriller und Science–Fiction–Story, die irrwitzige Antworten auf die Fragen nach Gott, dem Universum und allem gibt. Die Germanistik, die lieber gute Literatur von guten Menschen behandelt, verachtet SF–Literatur und übernimmt diese Wertung, die sich auch ohne weiteres mit einschlägigen Titeln belegen läßt.

Hierzu ein, mir notwendig erscheinender, Exkurs: Der US–Amerikaner Richard Powers ist ein Welten–Vernetzer, seine Literatur ist ein Mittel, den Überblick zu behalten, sich aber auch umfassend für die Welt zu interessieren, Literatur ist ihm eine große Verknüpfungsmaschine. Literatur ist für Ihn der Ort, wo die Transformation des Gehirns beginnt. In seinem neuen Roman »Das Echo der Erinnerung« hat er die Diskussion um Spiegelneuronen erwähnt, das Experiment mit einem Makak–Affen. Italienische Forscher stellten fest, daß bestimmte Nervenzellen in der Großhirnrinde eines Makak aktiviert wurden, sobald er den Arm bewegte. So, dachten die Forscher. Das sind die Neuronen, die für die Steuerung von Bewegungsvorgängen verantwortlich sind. Eines Tages begannen die für den Armmuskel zuständigen Neuronen wild zu feuern, obwohl der Affe vollkommen regungslos da saß. Weitere Tests führten zu einem überraschenden Ergebnis: Die motorischen Neuronen feuerten auch dann, wenn ein anderer Affe seinen Arm bewegte. Ein Teil des Gehirns, der an sich für körperliche Bewegungen zuständig ist, produziert auch imaginäre Spiegelbilder solcher Handlungen. Dies zeigt, daß es eine enge Verbindung zwischen imaginativen Prozessen und denen tatsächlicher Erfahrung gibt. Es gibt jedoch keinen Wissenschaftler, der behaupten würde, daß es eine kausale Verbindung gibt zwischen dem Vorstellen einer Handlung und der Entscheidung, diese Handlung im realen Leben auszuführen. Daher bin ich sehr vorsichtig, wenn jemand eine einfache kausale Erklärung für gewalttätiges Verhalten anbietet. Ich halte es für möglich, daß weitaus mehr Leute, die sonst gewalttätig gehandelt hätten, in der symbolischen Sphäre der Computerspiele einen ablenkenden oder sogar kathartischen Ausgleich dafür gefunden haben. Sicher ist nur, daß Computerspiele psychoaktiv sind. Sie sprechen die gleichen neuronalen Schaltkreise an wie reale Erfahrungen. In »Das Echo der Erinnerung« kommt in einer Szene die Schwester des Protagonisten in sein Krankenzimmer und wird sehr zornig, als sie sieht, daß seine Freunde gerade ein Computerspiel–Autorennen mit ihm spielen. Normalerweise würde sie das nicht erschüttern, aber ihr Bruder ist im realen Leben mit dem Auto verunglückt und sie fürchtet, daß er daran erinnert werden könnte. Ihr Bruder ist also in einer besonders verletzlichen Lage. Man kann sagen, daß kindliche Gehirne besonders verletzlich sind. Das Ausmaß der Plastizität des Gehirns ist, nach neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften, absolut verblüffend. Es ist wirklich erstaunlich, wie unterschiedlich sich das individuelle Gehirn durch unterschiedlichen Gebrauch entwickeln kann. Und wirklicher Gebrauch oder symbolischer Gebrauch wie in Computerspielen, das macht keinen Unterschied. Die Linie zwischen motorischen Nervenzellen und imaginativen ist sehr schmal. geht in seinem Roman »Schattenflucht« geht es unter anderem um eine Gruppe von Programmierern, die an der Entwicklung von Virtuellen Realitäten arbeiten, und die dieses Projekt zunächst mit sehr hehren Absichten verfolgen. Nur um dann festzustellen, daß genau diese Technologie im ersten amerikanischen Golfkrieg militärisch genutzt wird. Diese Technik wird eben vom Militär auf seine Weise in Gebrauch genommen. Die Technik ist nicht die Ursache der Gewalt. In »Das Echo der Erinnerung« gibt es eine Passage, in der drei Jungs in einem Truck sitzen, und ein Reh springt auf einmal vor das Auto. Der Fahrer kann schnell genug ausweichen, so daß sie nicht mit dem Reh zusammen stoßen. Danach sagt er: „Oh mein Gott, wenn ich nicht 100 Stunden dieses Autorennen gespielt hätte, wären wir jetzt alle tot. Das verdammte Computerspiel hat uns das Leben gerettet.“ Im 19. Jahrhundert wurde der Roman als etwas Bedrohliches betrachtet, als eine Technologie, die Leben ruinieren könnte. Die Angst war, wir könnten verloren gehen in seinen imaginären Welten. Vielleicht waren diese Befürchtungen auch gar nicht so falsch. Es könnte sein, daß wir herausfinden, daß wir einen Kokon an Technologie um uns herum gebaut haben, in dem wir nur zu gerne verloren gehen. Aber sich zu verlieren und sich zu finden sind komplizierte Prozesse und letztlich wissen wir nicht, was die endgültigen Auswirkungen von Computerspielen oder irgendeiner anderen Technologie sein werden. Aber ich würde bezweifeln, daß Computerspiele eine größere Gefahr oder ein größeres Potenzial für die Formung der individuellen Persönlichkeit besitzen als Bücher. Bücher sind ganz sicher genauso gefährlich wie Computerspiele. Wenn man also ein Buch oder ein Hörspiel schreibt, versucht man den Leser von etwas zu überzeugen. Man will ihn davon überzeugen, daß das, was man schreibt, real ist. Diese Überzeugungskraft ist wichtig, gerade im SF–Genre. Auf stilistische Brillanz, auf Korrektheit bei den Namen und Kulissen ist bei einem solchen Roman eigentlich gepfiffen, alles kommt auf den Plot an! Und wie steht es bei »Die Mission« darum?

Olaf von der Heydt nimmt in seinem ersten Roman Momente der großen Geschichte wie Stromstöße, denen seine Figuren ausgesetzt werden. Da diese Figuren selbständige Charaktere sind mit unterschiedlicher Robustheit, Labilität oder Sensibilität, haben diese Ereignisse auch unterschiedliche Effekte auf sie. Der Autor beschreibt einen Kommissar, dem seine eigene Verzweiflung noch gar nicht bewußt ist. Holger Heinick mag unbeholfen sein, ein Antiheld ist er jedoch nicht. Historische Fakten sind für von der Heydt die Bibel und weiter Religionslehren. Jesus taucht als bekiffter Lebemann auf, dessen Vater einfach nur seinen Job machen will, andererseits jedoch einen Aufbau des Universums zugrundelegt, der eine reine Schicksalsbestimmung beinhaltet. Die „zwei Kulturen“, von denen der englische Schriftsteller C. P. Snow gesprochen hat, gibt es noch immer: hier die humanities, die Geisteswissenschaften, zu denen man die Künste und ihre Kritik hinzurechnen kann; dort die sciences, die Naturwissenschaften samt Industrie und Technik. Die zwei Kulturen, deren Ferne voneinander Snow beklagt hat, lassen sich auch durch unterschiedliche Gestimmtheiten bezeichnen. Der Naturwissenschaftler und Ingenieur gibt sich optimistisch und gut gelaunt: Probleme lassen sich Lösen, Fortschritt ist machbar. Der Geistesmensch dagegen neigt zu schlechter Laune und zum Pessimismus: Fortschritt ist eine Chimäre, die Blätter des Glücks im Buch der Geschichte, wie Hegel bemerkt hat, sind leer. Der freie Wille ist in »Die Mission« unerwünscht, und darüber wacht eine Organisation. Etwas schlampig, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt: Seit Jahrhunderten ist das Buch (sic!) zur Koordinierung der Menschheit verloren gegangen. Der Gebietsleiter der Galaxis ist mehr als besorgt, steht doch eine Überprüfung seines Arbeitserfolges bevor. Die Zustände, die sich durch die mangelnde Kontrolle über die Menschheit auf der Erde entwickelt haben, könnten ihn – im wahrsten Sinne des Wortes – seinen Kopf kosten. Daher setzt er alle Hebel in Bewegung, das Buch wieder in seine Hände zu bekommen. Doch leider zeigen auch andere Interesse daran. Olaf von der Heydt beschreibt ein hochkomplexes System aus kollektiven Mythen, Science Fiction, historischen Fakten und paranoiden Verschwörungszusammenhängen. Der Autor versucht, das Banale mit dem Außerordentlichen, das Reale mit dem Fantastischen zu verknüpfen und die beiden Kulturen miteinander zu versöhnen. Letztlich bleibt es schiere Behauptung, und die Sphären stehen unverbunden nebeneinander. Der Roman liest sich angenehm, er steckt voller Einfälle, und geschrieben ist er in einer kolloquialen, aufgeräumten, völlig unbekümmerten Sprache. Man sollte dieses Buch mit dem Hintergrund der gewalthungrigen Gottsucherbanden, in denen der Zorn aller Erniedrigten und Beleidigten gesammelt gegen den globalen Kapitalismus gebündelt ist, noch einmal lesen. Das Christentum stellt sich somit nicht die Rache der Zukurzgekommenen dar, sondern ist als zivilisationsförderliche Ethik des Racheaufschubs am Werk. Eine von Rachsucht freie Ambitionskultur sollte den lebensdienlichen Zorn als Primärimpuls gegen den mit Geld und Gier im Bunde stehenden Eros–Pol unserer Zivilisation stärken. Ein Schriftsteller kann kein Universum erfinden. Er muß auf das zurückgreifen, was er in den Händen hält. Woher er diese Quellen hat, die er mit Talent in Kunst verwandelt, ist aber nicht das Entscheidende. »Die Mission« ist eine, im besten Sinne, Enzyklopädie der Banalitäten.




Kurzkritiken


     
trivial, originell




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