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Literarisches Werk


Mind

- Anticipation and Chaos -

Mihai Nadin

 



Übersicht


Originalsprache : Englisch
Umfang : ca. 161 Seiten
 
Thema : Künstliche Intelligenz
 


Kurzbeschreibung


»Mind« ist ein Essay von Mihai Nadin. 1991 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Anspruch
Wissen
  8
8
      Liebe
Humor
  1
2
      Erotik
Spannung
  1
2
      Unterhaltung
Transzendenz
  2
8
     



Mind: Anticipation and Chaos
Gibt es eine Sprache des Mind? Die Vorstellung einer lingua mentis ist sehr alt und hat zahlreiche philosophische und kulturologische Traditionen geprägt. Mihai Nadin, Professor für Informatik und Philosophie (LMU, BUW, UTD), nutzt diese Konzepte in seinem Essay, um sie für den IT-Ansatz fruchtbar zu machen. Dabei verbindet er semiotische Herangehensweisen mit Theorien dynamischer Systeme, um dem Abbildungsparadigma, welches vor allem in westlichen Kulturen zum vorgängigen Denkmuster geworden ist, zu entgehen.
Dem Axiom folgend, dass Minds „nur in Relation zu anderen Minds“ existieren, differenziert Nadin zunächst verschiedene Ebenen des (= der) Mind(s): (1) Die individuelle Ebene (wann ein Mind aktiv ist, wie er relationiert ist, wie er im Detail arbeitet) ist stets situationsbezogen, also immer konkret, und hängt unmittelbar vom (2) Kontext ab, der als „kontextueller Sinn“ den Mind nicht nur 'umrahmt', sondern auch hervorbringt: „Die der Konstitution des Mind und seiner Interaktion zugrundeliegende Realität ist der Prozeß“. Die Entfaltung des Mind entlang einer Zeitachse lässt schließlich (3) Erfahrungswerte zu, welche so vielfältig wie die ihnen zugrundeliegenden Handlungen sind. Diese „aktuale(n) Interaktion von Minds“, welche die bisherigen Ebenen in sich trägt, ist letztlich (4) identitätsstiftend. Je höher der Interaktionsgrad, desto größer ist dabei die Wahrscheinlichkeit, dass eine „kritische Masse“ erreicht wird, also jener (nicht duplizierbare!) „dynamische(r) Koeffizient, der aus der gemeinsamen Welt von interagierenden Minds resultiert“. Die permanente Vermittlung von Makrowelt (sozialer, kultureller, physischer Kontext) zu Mikrowelt (Gehirn) und umgekehrt (= Chaos) setzt folglich Kohärenzmechanismen (= Ordnung) voraus, wobei laut Nadin das Phänomen der Selbstähnlichkeit („Wir projizieren uns selbst in das Verstehen von Umständen“) jedem Interpretationsvorgang vorausgeht, was ihn zur Hypothese des Antizipationscharakters von Minds führt: Der Mind ist als „Medium unserer kontinuierlichen Selbstkonstitution“ alles andere als eine 'Reaktionsmaschine', sondern vielmehr 'selbsttätig vorausgreifend': „Minds durchsuchen die Domäne des Möglichen und überlassen uns dann die Wahl, so daß das Mögliche im jeweiligen Fall einer Interaktion zwischen Minds Wirklichkeit wird“.
Um diesen Prozess genauer zu verstehen, wendet sich der Autor nun den Neurowissenschaften zu. Vier Aspekte sind dabei wesentlich: (1) Synaptische Entwicklung und Lernen – ein Abhängigkeitsverhältnis, welches aufzeigt, dass das Gehirn zwar Medium des Mind ist, der Mind aber das Gehirn (Größe und Anzahl der Neuronen sowie ihre Verbindung zueinander) steuert. (2) Selbstorganisation – die Priorisierung von Organisation vor Information, sodass das Gehirn als redundantes System mithilfe variabler Konfigurationen optimieren und somit Sinn stiften kann. (3) Erfahrung als 'Aufzeichnung' von Wahlpräferenzen mittels a) Fixpunkt-Attraktoren (ein Problem wird auf mögliche Lösungen eingegrenzt und schließlich wird sich für eine Lösung entschieden – etwa wie beim Lösen eines Kreuzworträtsels), b) Begrenzungskreis-Attraktoren (eine permanente Schleifenbewegung zum Abgleich von Soll- und Istwerten – wie zum Beispiel bei der inneren Uhr oder der Erinnerung) und c) fraktalen Attraktoren (stark divergierende Pfade aufgrund limitierter Ausgangsdaten – beispielsweise im Fall von Intuition oder Inspiration). (4) Antizipation – 800 ms, die einer Aktivität vorausgehen, wobei erst nach 450 ms eine bewusste Entscheidung getroffen wird. Diese naturwissenschaftlichen Indizien machen für Nadin die These vom Meta-Phasenraum des Mind plausibel, welcher den Phasenraum des Gehirns kontrolliert. Mathematisch beschreibbar wird dies mithilfe von Mandelbrots Fraktalgeometrie, wonach ein n-dimensionales Objekt beliebig verkleinert oder vergrößert werden kann. Ist die Skalierung gleichförmig, betrifft sie die Konfiguration (den Phasenraum), ist sie ungleichförmig, betrifft sie den Prozess selbst (den Meta-Phasenraum).
Worin liegen jetzt die praktischen Implikationen? Zwei Stück werden vom Autor herausgearbeitet: Zunächst wäre es möglich, intelligente Maschinen zu entwickeln (ein Vorschlag, der seit Erscheinen des Buchs natürlich schon aufgegriffen worden ist), sodass Rechner vor allem bei großen Zahlenmengen und symbolischen Berechnungen nicht so schnell an ihre Grenzen kommen. Prinzipiell ist dies laut Nadin in klassischen Binärsystemen nur möglich, wenn man statische durch variable Konfigurationen ersetzt, also starre Funktionen (geschlossen, additiv, hierarchisch, computativ) durch unscharfe Logik (sequentiell, parallel, korrelativ, statistisch), sodass jeder Computer zu einer potenziellen Vielzahl von Computern wird (Konnektionismus). Eine weitere Implikation liegt in einer (größtenteils noch nicht realisierten) Bildungsreform, welche das konnektionistische Modell zum Vorbild nimmt (also Kreativität, Interaktion, Förderung der irreduziblen Individualität) und somit das Erreichen kritischer Masse begünstigt, anstatt sie zu verhindern: „[E]ine Ausbildung, die auf das Lösen von Problemen ausgerichtet ist und die die Aspekte Synthese und Kommunikation ignoriert, (ist) ein sicherer Weg zur Neutralisierung der Intelligenz“.
Fazit: „Mind“ ist ein inspirierender Essay, der nicht nur nach wie vor aktuell ist, sondern darüber hinaus auch zukunftsweisende Forschungsansätze präsentiert – eine Progressivität, die sich im gesamten Werk Mihai Nadins wiederfindet. Zudem ist die Aufmachung des Buches sehr ansprechend (limitierte Auflage, illustriert mit hervorragenden Bildern von Todd Siler) – sehr zu empfehlen.




Kurzkritiken 1 (10/10)


     
anspruchsvoll, originell, nachhaltig, eröffnend, bereichernd



2 Treffer

»[W]ir (sollten) abbildhafte, nicht abbildhafte und kommunikative Aspekte vereinen und diese umfassenderen Erklärungen zu einem Teil unseres neuen praktischen Wissens machen.«
Stichworte: Abbildung


»Malen wird nicht zu einer reproduzierbaren Anwendung von Intelligenz, sondern bleibt eine Form der Projektion von Erfahrungen in die Gestalt neuer Erfahrungen.«
Stichworte: Kreativität





Andreas Raave



Linktipp: »1991« als Erscheinungsjahr haben auch