Literarisches Werk


Geist, Kosmos und Physik

- Gedanken über die Einheit des Lebens -

Hans-Peter Dürr

 



Übersicht

(33 Punkte)

Originalsprache : Deutsch
Umfang : ca. 140 Seiten
 
Thema : Quantenphysik, Umwelt, Gesellschaft, Spiritualität, Ethik, Wirklichkeit
 


Kurzbeschreibung


»Geist, Kosmos und Physik« ist ein Essay von Hans-Peter Dürr. 2010 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Beziehung ist …, oder: Unschärfe in der Mesowelt
Ein Essay über die „Einheit des Lebens“, geschrieben von einem Teilchenphysiker – das scheint paradox, ist es aber natürlich nicht, eher im Gegenteil: Hans-Peter Dürr, Verfasser einer Dissertation über Anti-Materie, langjähriger Mitarbeiter von Werner Heisenberg, seit 1962 selbst Professor für Teilchenphysik und seit 1978 Direktor des Max-Planck-Instituts, beschäftigt sich darin mit den erkenntnistheoretischen Konsequenzen der quantenphysikalischen Einsicht des letzten Jahrhunderts, die – trotz ihres revolutionären Charakters – bis heute (auf dieser Betrachtungsebene) „kaum […] nachvollzogen worden ist“.

Und tatsächlich erscheint die Erkenntnis, dass das, was im Innersten ist, nichts Materielles oder Energetisches ist, neu und schräge zugleich: „In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen, aber im Angesicht, im 'Erwartungsfeld' der abtretenden Welt. Die alte Potenzialität in ihrer Ganzheit gebiert die neue und prägt neue Realisierungen, ohne sie jedoch eindeutig festzulegen. In diesem andauernden Schöpfungsprozess wird ständig ganz Neues, Noch-nie-Dagewesenes geschaffen. Alles ist daran beteiligt. Das Zusammenspiel folgt bestimmten Regeln. Physikalisch wird es beschrieben durch eine Überlagerung komplexwertiger Wellen, die sich verstärken und schwächen können. Es ist ein Plus-Summen-Spiel, wo Kooperation zur Verstärkung führt, und was interessanterweise auch eine teleologische Ausrichtung (Hamiltonsches Prinzip der kleinsten Wirkung) imitieren kann. Der zeitliche Prozess ist nicht einfach Entwicklung und Entfaltung, ein 'Auswickeln' von schon Bestehendem, von immer-währender Materie, die sich nur eine neue Form gibt. Es ist echte Kreation: Verwandlung von Potenzialität in Realität.“ Hier versagt, ganz objektiv!, wissenschaftliche Erkenntnis (von Dürr als „Außenansicht“ bezeichnet) und es kommt eine Form des Erkennens ins Spiel, die abseits des Rationalismus schon jahrtausendelang kultiviert (oder besser: nicht vernachlässigt) worden ist: die „Innensicht“: „Das Wissbare erfährt in der neuen Weltsicht eine prinzipielle Einschränkung. Dadurch erhält der Glaube wieder seine volle Bedeutung und eigenständige Wertigkeit zurück“.

Was aber sind die lebensweltlichen Konsequenzen für eine Wirklichkeit, in der es – nachgewiesenermaßen! – keine Objekte, sondern nur Beziehungsstruktur, keine Kausalität, sondern nur systemische Offenheit, keine Zeit, sondern nur Bewegung, keinen Raum, sondern nur Nichtlokalität und kein Subjekt, sondern nur Differenzierung gibt? Für Dürr sind es zwei Stück: 1. Nachhaltigkeit: „[D]ie System-Hierarchie, wie sie üblicherweise immer aufgezeigt wird – Ökonomie an erster, Gesellschaft an zweiter und Ökologie an dritter Stelle – muss genau umgedreht werden“, 2. Kreativität und Kooperation (Syntropie): „wie bei einem Orchester ein Konzert gelingt, bei dem verschiedene Instrumente konstruktiv zusammenspielen und so das Ganze mehr wird als die Summe der Teile“. Was darin zum Ausdruck kommt, ist das „Paradigma des Lebendigen“ – ein Paradigma, das sich durch alle! Systeme zieht, nur manchmal eben sehr verdeckt, aber immer essenziell. Sehr gut ersichtlich wird es am sogenannten „Chaos“-Pendel (https://www.youtube.com/watch?v=lnA7m0IxnUs#t=66m21s), einem Tripelpendel, das im wahrsten Sinne des Wortes „spielerisch“ wirkende Bewegungen hervorbringt: „An dem Punkt höchster Sensibilität 'spürt' das Pendel, was in der ganzen Welt los ist […]. Es 'erlebt' jetzt dieses Hintergrundfeld, die Potenzialität, die keine Realität mehr ist, in dem alles mit allem zusammenhängt“. Nach diesem Schema, das alles berücksichtigt und nicht funktionalistisch aussiebt, lässt sich nun im Grunde alles beschreiben: Materie („Wenn ich Billionen mal Billionen Atome habe, ist die Abweichung plus/minus ein Billionstel. Das beunruhigt uns selbstverständlich nicht“), DNS („Das ist ein Ganzes, und diese eingeprägte Ordnung ist ganz subtil hochdimensional aufeinander abgestimmt“), Ahnung, Erleben, Kommunikation, das Biosystem, die Evolution: „Das von Darwin betonte 'Survival of the fittest' darf nicht als ein 'Überleben des Stärkeren' interpretiert werden, sondern als ein Überleben des für die offene, sich dynamisch gestaltende Zukunft Best-Angepassten, das nur durch eine Fähigkeit zur jeweils optimalen Kooperation des Vielfältigen erreicht werden kann“.

Fazit: Ein Buch, das aufzeigt, dass alles durch eine „hoch korrelierte Einbettung in den lebendigen Kosmos“ miteinander verknüpft ist und dazu auffordert, diesem Umstand (der ja im Grunde jedem klar sein dürfte, der aber traurigerweise keine Rolle zu spielen scheint) gerecht zu werden. Dies gelingt Dürr vor allem mit einer Sprache, die sich zum einen bewusst ist, dass das, worüber gesprochen werden soll, sich einer Sprache eigentlich entzieht und die zum anderen wunderbar einfach und präzise komplexeste Sachverhalte anspricht und beschreibt.




Kurzkritiken 1 (10/10)


     
nachhaltig, eröffnend



5 Treffer    Zur Liste

»[W]ir (befinden) uns heute in einer schizophrenen Situation, wenn wir glauben, mit der alten Denkweise des 19. Jahrhunderts und der aus dem neuen Denken entwickelten Technologie des 20. Jahrhunderts den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erfolgreich begegnen zu können.«
Stichworte: Technologie


»Die unauftrennbare Innensicht erlaubt keine zweiwertige Unterscheidung. Es gibt kein Wissen, doch auch kein Unwissen. Vielleicht Weisheit, die über beiden schwebt, als unscharfer Abdruck des äußeren Wissens im Inneren; und mit einer Unschärfe, die sich nicht im Mangel an Schärfe erschöpft, sondern erst die Möglichkeit eröffnet, Gestalt wahrzunehmen: Vertrautheit, Sinnhaftigkeit, Wert-Ordnung.«
Stichworte: Sinnhaftigkeit


»Wir sind ganz in der gesetzlich gesteuerten Realität. Erst die 'geistige' Komponente der Wirklichkeit gibt uns jedoch die Möglichkeit, schöpferisch zu sein, […] Kreativität zu entwickeln.«
Stichworte: Kreativität


»Das ökologische Problem ist das Hauptproblem, und das Nicht-Wahrnehmen der Natur ist identisch mit dem Nicht-Wahrnehmen des anderen Menschen. Aber es geht gar nicht nur um den Menschen, sondern wir müssen empathisch sein gegenüber der lebendigen Kreation, denn das ist unsere natürliche Lebensgrundlage.«
Stichworte: Ökologie


»Unser Denken ist dafür angepasst, den Apfel am Baum wahrzunehmen und zu greifen, mit dem wir uns ernähren, und nicht dazu, Atomphysik zu treiben. Wenn wir es trotzdem tun, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Atome für uns letztlich immer so wie kleine Äpfel aussehen, weil dies die einzige Art und Weise ist, wie wir uns die Wirklichkeit anschaulich vorstellen können.«
Stichworte: Materie