Person


Ricinski, Francisca

Francisca Ricinski

 



Übersicht


Tätigkeit : Autorin
Werke erschienen auf : Deutsch, Rumänisch
 
 
 


Kurzbeschreibung


Francisca Ricinski ist eine Autorin. Sie wurde 1943 in Tupilati geboren. Bekannte Werke sind »Zug ohne Räder« und »Auf silikonweichen Pfoten«.

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Wer schreibt, der kennt die Situation im Angesicht des Nichts. Der Tisch wird zu einem leeren Strand. Mit dem ersten Wort auf dem leeren Papier hat man das Gefühl, man springe ins kalte Meer. Es ist ein langwieriger Häutungsprozesses, den das literarische Schreiben bedeutet. Das ist immer noch ein Wunder für Francisca Ricinski. Sie kann sich mit nichts an einen Tisch setzen, und von irgendwoher kommt dieses Etwas, das vielleicht einmal zu einem Buch wird. Schreiben ist die beste Möglichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen, Motive können nur aufrühren, wenn es Motive von Fall, Flucht und Verfolgung, von Gleichgültigkeit, Auflehnung und verfehlter Lebensgründung sind. Die Aufgabe der Poesie ist die Entdeckung des Typischen im Exzeptionellen. Die Wahrheit der Paradoxie steckt auch in den Texten der am 18. November 1943 in Tupilati / Rumänien geborenen Autorin Francisca Ricinski; sie müssen gegen den Strich gelesen werden. Die Grenzen zwischen Poesie und Prosa sind bei Francisca Ricinski fließend: Im Traum vermischen sich Lied und Notiz; die Lyrikerin mutiert zur Tagebuchschreiberin; die Reflexion fällt der poésie pure ins Wort. Francisca Ricinski knüpft an eine literarische Tradition der europäischen Moderne an, die E. M. Ciorans »Lehre vom Zerfall« ebenso verpflichtet ist wie dem Dichter Mihai Eminescu.

Langfristig gesehen geht es Autoren oft besser, wenn sie nie im Trend lagen – dann können sie auch nicht aus der Mode kommen. Dazu noch sind solche Künstler möglicherweise seelisch gesünder. Francisca Ricinski schreibt Lyrik, Theaterstücke, Erzählprosa, Essays, sie ist eine hervorragende Übersetzerin und hat sich um die Propagierung zu wenig beachteter Schriftsteller verdient gemacht. Sie sucht nicht die Öffentlichkeit des Literaturbetriebs, macht sich rar, wo es lärmend zugeht. Eher trifft man sie in den bisweilen elitären Kreisen des "Dichtungsrings", des "Philotast", des "Krautgartens", der "Eremitage" und "der Matrix". Dies mag mit ihren Wurzeln zu tun haben. Ihr Vater, ein Pole mit französischen Ahnen, ihre Mutter, eine Rumänin, aus dem Nordosten des Landes, unweit von Bukowina des Paul Celan und Rose Ausländer. Ihre Prosa handelt vom Auswandern, von der Liebe, der Macht zufälliger Begegnungen und der Brüchigkeit von Identität. An der Schwarzmeerküste schrieb Ovid seine Tristium libri, traurige Gesänge der Sehnsucht nach Rom, hier lebte Puschkin in einigermaßen komfortabler Verbannung, und 1919 verließ von der Krim aus der junge Nabokow sein Heimatland. Identität entsteht bei Francisca Ricinski nicht aus der Gewissheit eines lückenlosen Stammbaums, sondern aus einer Schlüsselerfahrung des 20. Jahrhunderts: dem Exil. Aus der alten Strafe des Heimatverlusts und der Entwurzelung, aus der nach dem 2. Weltkrieg eine Verschiebung von Menschenmassen kreuz und quer durch Europa wurde. 1980 verließ sie das Land und übersiedelte aus familiären Gründen nach Bonn. Die Erfahrung von Fremdheit, der Zusammenprall von Menschen, Kulturen, Sprachen und Zeiten bestimmt den Grundton ihrer Schriften. Hier ist alles Erfundene wahr ist und alles Wahre erfunden. Als Hybrid eignete sie sich zwischen dem Schwarzen Meer und dem Rhein die deutsche Sprache an. Ähnlich wie die Kolleginnen Herta Müller und Ioona Rauschan schreitet sie diese Sprachräume in suchenden Bewegungen aus.

Man braucht ein Ohr zur Sprache. Francisca Ricinski hat nie versucht, den sprachlichen Modismen zu folgen. Der sicherste Weg ins Unmoderne ist, das Moderne zu pflegen, weil man das morgen nicht mehr hören kann. Anhaltspunkte aus der menschlichen Wirklichkeit. Ihre Figuren sind in das Mahlwerk einer übergroßen zerstörerischen Macht geraten. Sie haben überlebt, doch nun sind ihnen Bilder eingebrannt. In zahlreichen, oft kaum merklichen Rückblenden eines zurückhaltenden Erzählers macht sich der Klammergriff bemerkbar, in dem diese Bilder die Gegenwart halten. Unbekümmert, mit feinem stilistischem Gespür mischt sie Genres, verbindet Analysen mit Impressionen, gleitet vom Heute ins Gestern und wieder zurück. Francisca Ricinski schreibt präzise und sensibel, sie versteht es, die große Geschichte mit der kleinen zu verschränken, das Persönliche ins Allgemeine laufen oder besser: stürzen zu lassen. Wenige Skizzen reichen ihr, ihren Protagonisten ein persönliches Antlitz zu geben. Nichts scheut sie so sehr wie das Pathos des Individuellen, die Überfrachtung der Poesie mit Unmengen von Privatem, auf das der Leser auch ja verstehe, welch einzigartiger Mensch da verloren geht. Aufdringliche Privatmythologie ist ihre Sache nicht, die Texte bleiben schlank. Es gibt bei ihr eine Einfachheit der Sprache, eine Natürlichkeit der Dialoge, die den Abstand zur Literatur geringer erscheinen lässt. Dabei müssen die Menschen nicht unbedingt so sprechen wie „im richtigen Leben“. Aber man spürt, daß die Worte, Sätze, die Francisca Ricinski für sie schreibt, ihnen entsprechen.

Matthias Hagedorn


2006 Auf silikonweichen Pfoten Gedicht
2008 Zug ohne Räder Kurzgeschichte



Linktipp: »Autorin« als Tätigkeit haben auch