Grauenvoll menschlich und tief philosophisch
In ganz einfacher, unaufgeregter Sprache erzeugt Saramago unglaubliche Bilder. Szenen von größter Brutalität wechseln mit Zeugnissen tiefen Vertrauens, zwischen ganz viel Verwahrlosung, Ekel und vor allem Unsicherheit. Der Ton ist schwer, mit einem eigenartigen traurigen Humor, an vielen Stellen klingt es sentenzhaft. Über weite Passagen erzählt Saramago beinahe szenisch und verzichtet dabei auf Anführungszeichen und Absätze, sodass man beim Lesen schnell den Überblick verliert, wer gerade spricht. Als wäre man selbst in gewisser Weise blind.
"Die Stadt der Blinden" ist jedoch kein Buch zum "Mitfühlen". Der Aufbau ist parabelartig, die Figuren sind Beispielmenschen. Die Übertragungsebene ist indes unerschöpflich. Der Roman gibt Denkanstöße zu einer Vielzahl zeitloser Themen: Menschsein, Hoffnung, Autorität, Zivilisation und Verwahrlosung, Scham und Schamlosigkeit, vor allem aber gegenseitige Wahrnehmung und Verständigung - und ist damit gerade in der Diskussion um unsere Streit- und Gesprächskultur brandaktuell. Ein Buch, das definitiv lange nachklingt.