Die Unglückseligen
Thea Dorn, bekannt unter anderem für ihr Krimi-Œuvre, Theaterstücke und Essay-Anthologien, wie „Die deutsche Seele“, legt mit ihrem Roman „Die Unglückseligen“ ein sehr interessantes Erzählwerk vor, welches das Faustische in die Gegenwart holt. Doch worum geht es? Johanna Mawet – in Deutschland geborene und in den USA arbeitende, Molekularbiologin, die an selbstregenerierenden Zellen von Zebrafischen forscht, um den Tod, welchen sie als Krankheit ansieht, nicht nur hinauszuschieben, sondern zu besiegen – trifft John William Knight – einen an der Supermarktkasse arbeitenden Einpacker, der in Johannas Augen etwas Unheimliches erkannt haben will und panisch die Flucht ergreift. Auf dem Rückweg gabelt diese ihn wieder auf, gibt ihm eine Unterkunft und beginnt zu recherchieren, ob etwas dran sein kann an der hanebüchenen Behauptung des zirka Vierzigjährigen, er sei Johann Wilhelm Ritter – deutscher Physiker, der am Magnetismus-/Elektrizitäts-/Galvanismus-Diskurs um 1800 beteiligt war und die UV-Strahlung entdeckte. Die Indizien häufen sich, doch kritische Fragen am Institut und in ihrem Umfeld machen eine Forschung diesbezüglich unmöglich, weshalb Johanna mit ihm zurück nach Deutschland fliehen muss, um sich dort – in noch engeren Forschungsschranken – unter der Hand eine DNA-Analyse zu erbetteln. Tatsächlich bestätigen die Ergebnisse Ritters Aussage und Johanna versucht, hinter das Geheimnis zu steigen – erst noch als Forscherin, zunehmend jedoch, auf Aussagen Ritters bauend, als Alchemistin alter Schule.

In diesen spannend-amüsanten wie tiefsinnigen Plot eingewoben, sind zahlreiche Topoi und Motive altbekannter Unsterblichkeitsthematik – allerdings nicht, um als Binsenweisheit zu versacken, sondern, um ein Feld biochemischer und bioinformatischer Diskursmasse anzureichern, indem sich im Zusammenspiel beider Protagonisten eine doppelte Polarität offenbart, die nicht nur zwischen ihnen besteht, sondern auch jeweils ihnen selbst eigen ist. So ist der Name Johann(a) Mawet etwa seiner Bedeutung nach 'Gottes Gnade' und 'Todesengel' in einem. So ist Ritters dualistische Weltsicht Johannas technischem Verständnis gleichzeitig voraus („Seht ihr nicht, dass jene Unendlichkeit, die ihr erjagen wollt, nichts ist denn Afterewigkeit? Weil der Mensch unsterblich ist seit Anbeginn?“) und hinterher („Nur ein romantischer Träumer brachte es fertig, die gigantische Erweiterung menschlichen Wissens und menschlicher Möglichkeiten, die seit der Ausdifferenzierung der modernen Naturwissenschaften stattgefunden hatte, für eine Verfallserscheinung zu halten“). Doch wo es Ritter gelingt, die ihm entgangene Lektüre – Einstein, Heisenberg, Chaostheorie und Co. – in sein Weltbild zu integrieren („Den großen geistigen Bogen […] hatte er sogleich erfasst: in seiner Kühnheit wie Schönheit. Das Starre, Maschinenmäßige an der Mechanik, wie es von Galilei und Newton behauptet, hatte es ihn nicht selbst von Anbeginn abgestoßen? Diese Mechanisten hier jetzt auf alle Zeit der Grobschlächtigkeit überführt zu sehen – im Herzen freute es ihn“), reagiert Johanna lediglich mit Spott auf altertümlichen Elektrizitätsholismus („In meinen Ohren klingt das alles komplett gaga“). Johanna reagiert aber auch unbewusst auf die Einflusssphäre Ritters, denn seine „Urformel“, dass „[j]edes Ding in der Natur (sich selbst) […] entgegen(setzt), sobald es eine Vereinigung mit einem andren, ihm Entgegengesetzten, eingeht“, scheint sich zu bewahrheiten, da die Forscherin sukzessiv zur Selbstexperimentatorin und Teufelsanbeterin mutiert. An diesem Punkt kommt die Erzählerfigur ins Spiel, welche bereits von Anfang an mit seltsam anmutenden Monolog-Einschüben beim „Verehrte[n] Leser“ für Irritation sorgte; eine Figur, oder besser: Instanz, die auch nur wiedergibt, was sie sieht – „Die Geschichte ist, wie sie ist. Da sind auch mir die Hände gebunden“ – und dennoch in Visionen Johannas Bemühungen (und ehemals Ritters), etwas Großes zu schaffen, fiebrig entgegenblickt. Dieser „arme(r) Teufel, der an der Menschheit einen Narren gefressen hat“, ist – wenn man so will – die Kehrseite der Imagination; das Mögliche als Seiendes, das zu erkennen dem Menschen obliegt: „Gestaltlos bin ich. Und dennoch erblick ich mich in deiner Augen Glanz […]. Könntest die zitternden Arme du strecken – ins Leere würden sie fassen. Und dennoch besteht kein Zweifel in dir an meiner tiefen, tiefen Gegenwart“. In der Tat folgt auf diese Enthüllung (Achtung: Spoiler!), welche parallel zum „Stande der gesteigerten Verzweiflung“ verläuft, ein fingiertes Schreiben Justinus Kerners an den Pfarrer Johann Christoph Blumhardt, das den Versuch, Wahn-Sinn psychologisch-metaphysisch zu erklären, enthält. Die Realität wird gen Ende also ordentlich umgerührt (das Finale lese jeder selbst) und so das Geheimnis der Unsterblichkeit im Wirk-lichkeitsstrudel enthüllt.

Fazit: Ein großartiges Buch. Es nimmt die Strauß'sche Roman-Architektur („Der junge Mann“), um ein klassisches Thema mit aller Raffinesse im Spiegel der Gegenwart neu zu beleuchten – sei es mittels zahlreicher Intertexte (Originalschriften Ritters, Comic-Einschübe, die Bibel, Sicherheitshinweise auf amerikanischen Rückspiegeln, das komplette Arsenal der Weimarer Klassik und Jenaer Romantik und so weiter), sprachlicher Variation und Drehung (so wird ein Laptop mal schnell zur „silbrigen Schatulle […], in deren aufgeklapptem Deckelinnern sich Feuerkreise dreh[]en“ oder eine Navi-Ansage zum „spröde[n] Frauenzimmer“), soghafter Dialoge, Slapstick-Humor, philosophischem Scharfsinn oder einer Palette an Motiven und Symbolen, die – mal quantitativ, mal qualitativ – ihresgleichen suchen; alles wunderbar eingängig und vertrackt zugleich.