Hungern als Kunst
Wie bei allen Erzählungen Kafkas, so haben sich auch bei seinem „Hungerkünstler“ Generationen von Literaturkritikern und Bücherfreunden mit ihren Deutungsversuchen abgemüht. Sehen die einen diese Figur als Symbol für den Künstler schlechthin, der mit seiner Kunst (hier: das Hungern) anfangs bewundert, später, wenn er seinen Förderern nichts mehr einbringt, vergessen wird (am Ende ist), so deuten andere ihn als Kafkas personifiziertes Problem, seinem Hungern nach Anerkennung und Liebe, die er von Kind an zu vermissen glaubt, vgl. auch sein als autobiographischen Versuch zu wertendern „Brief an den Vater“, ein Brief, der allerdings nie abgeschickt wurde.
Es ist sicher eine Mischung von beiden, aber auch von anderen Sichtweisen, die hier in Kafkas glänzender Erzählung ihren Niederschlag finden. Wenn man die Person des Hungerkünstlers dem Wort nach auf die Begriffe „Hunger“ und „Kunst“ beschränken will, so hat Kafka den ihn sein Leben lang nicht loslassenden Vorwurf seines Vaters bezüglich seiner nicht dessen Erwartungen entsprechenden Neigungen zum Schreiben hier als „brotlose Kunst“ einfliessen lassen.