Literarisches Werk


Mein Leben, meine Weltansicht

Erwin Schrödinger

 



Übersicht


Originalsprache : Deutsch
Umfang : ca. 182 Seiten
 


Kurzbeschreibung


»Mein Leben, meine Weltansicht« ist ein Essay von Erwin Schrödinger. 1985 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Anspruch
Wissen
  10
10
      Liebe
Humor
  2
5
      Erotik
Spannung
  1
2
      Unterhaltung
Transzendenz
  5
10
     



Erwin Schrödinger: Mein Leben, meine Weltansicht (1925/1960)
Physiknobelpreisträger Erwin Schrödinger, der 1926 mit seiner Wellengleichung – „wahrscheinlich die wichtigste Gleichung, die je ein Physiker geschrieben hat“ (Anton Zeilinger) – den Grundpfeiler moderner Technologie legte, liefert mit „Meine Weltansicht“ gewissermaßen das philosophische Pendant, obwohl eine Referenz zur Quantenphysik eingangs explizit verneint wird: „Es ist hier nirgends von Akausalität, Wellenmechanik, Unbestimmtheitsrelation, Komplementarität, expandierender Kugelwelt, kontinuierlichen Schöpfungsakten und dergleichen die Rede“. Im selben Vorwort (verfasst 1960) heißt es aber auch, der erste Teil des Buchs „Suche nach dem Weg“ sei „wenige Monate bevor der Gedanke der heute sogenannten Wellenmechanik für einige Zeit mein ganzes Interesse in Anspruch zu nehmen begann“, verfasst worden (Herbst 1925). Man darf also, allein schon aufgrund der wissenschaftshistorischen Parallelität eine implizite Präsenz mikrokosmischer Theorien unterstellen – zumal eine Beweisführung des Folgenden unter Zuhilfenahme derselben ein Leichtes gewesen wäre. Umso beeindruckender ist die vertrackte, mehrschichtige, aber stets – geradezu wittgensteinmäßig – stringente Erörterung der Problematik ausschließlich unter Zuhilfenahme (wie mir scheint) dreier Evidenzgrößen – gewichtet nach Priorität: 1. radikale 'Wenn-Dann'-Logik, 2. philosophische und naturwissenschaftliche Argumente (v.a. biologisch-physiologisch), 3. Intuition/Glaube.

Schrödinger beginnt mit einer Rehabilitierung der – seit Kant etwas in Verruf geratenen – Metaphysik, da sie der konstitutive Rahmen von Erkenntnis ist. Das philosophische Staunen (thaumazein) ist folglich nicht ein atavistischer Tick des Menschen, sondern Movens von Wandel – im Allgemeinen und im Besonderen. Die vier Kernfragen, welche sich immer daran knüpfen und eher „unablässig im Kreise herumführen“ als klar zu beantworten sind, sind: „1. Existiert ein Ich? 2. Existiert die Welt nebst Mir? 3. Hört Ich mit dem körperlichen Tod auf? 4. Hört Welt mit Meinem körperlichen Tod auf?“ Was Schrödinger bereits im Vorhinein als „Unsinn“ verwirft, ist die Gleichsetzung Ich/Welt, denn die Gegenprobe ist allzu offenkundig. Was bleibt, ist die Eigenrubrizierung in Welt, welche ziemlich exakt genau so auch von anderen Lebewesen wahrgenommen/gefühlt/gedacht wird. Dies aber bedeutet, die Exklusivität der eigenen Bewusstseinssphäre aufgeben zu müssen, was zu einem neuerlichen thaumazein über die Spezifika der als Ich wahrgenommen Schnittstelle im Weltgefüge führt und so fort. Auf der Suche nach einer Philosophie, welche die Vielheit als Schein entlarvt, ohne die Dialektik der Ich-Behauptung über Bord zu werfen, wird Schrödinger im Vedanta fündig: „Erkennen, Fühlen und Wollen […] ist numerisch nur eines in allen Menschen, ja in allen fühlenden Wesen. Aber auch nicht so, daß du ein Teil, ein Stück bist von einem ewigen, unendlichen Wesen, eine Seite, eine Modifikation davon, wie es der Pantheismus des Spinoza will. Denn das bliebe dieselbe Unbegreiflichkeit: welcher Teil, welche Seite bist gerade du, was unterscheidet, objektiv, sie von den anderen? Nein, sondern so unbegreiflich es der gemeinen Vernunft scheint: du – und ebenso jedes andere bewußte Wesen für sich genommen – bist alles in allem.“

Damit hört im Grunde die im Titel vermerkte „Weltansicht“ auf und es folgt, beginnend mit der „Exoterische[n] Einführung in das naturwissenschaftliche Denken“, der 'Beweis'-Teil und damit, wenn man so will, auch der 'Detail'-Teil. Wie im Zitat oben bereits anklang, kann laut Schrödinger das „Wunder“ der kollektiven Wahrnehmung nicht durch einen pantheistischen (All-)Raum, also holistisch-synchron, erklärt werden, sondern muss eher von empiriokritischer Seite her monistisch-diachron betrachtet werden. Und in der Tat ist die physiologische Kontinuität des Menschen zu keinem Zeitpunkt mal unterbrochen worden, „daß also vom Bewußtsein eines Individuums die Identität mit dem eines seiner Ahnen in sehr ähnlichem Sinne behauptet werden darf wie etwa von meinem eigenen Bewußtsein vor und nach einem tiefen Schlaf“. Beispiele dafür sieht der Autor unter anderem in vielen tierischen Instinkten, die nichts anderes darstellen als „superindividuelle Erinnerung“ oder auch in diversen menschlichen Verhaltensweisen, zum Beispiel bei der „'Inkongruenz der mnemischen Homophonie'“ (Richard Semon), die auftritt, wenn im Falle äußerster Wut weder Faust noch Wort dominant werden, weil beide Prinzipien – archaisch und zivilisiert – aufs Ärgste konkurrenzieren. Der Schluss muss also auch naturwissenschaftlich lauten: „Kein Ich steht allein […]. [D]as Ich (ist) […] mit dem Ahnengeschehen […] im strengsten Sinne des Wortes dasselbe, seine streng unmittelbare Fortsetzung, wie das Ich von fünfzig die Fortsetzung des Ichs von vierzig Jahren.“ Es ist also evident, dass alldem nur ein einziges Bewusstsein zugrunde liegt – angefangen beim Süßwasserpolyp hydrafusca, der sich im Teilungsfall komplett duplizieren kann, über mehr oder weniger selbständige Zellen und Organe bis hin zu ganzen Staatsverbänden (Ameisen, Termiten, Bienen, Menschen), die streng genommen auch nur somatische Entitäten sind. Dem „logisch-arithmetische[n] Widerspruch“, dass der damit postulierte Reproduktionsfaktor zwar prinzipiell vorhanden sein muss, aber faktisch – da zahlenmäßig irrelevant – keine Rolle zu spielen scheint, entgegnet Schrödinger mit einem Gedankenexperiment, das zeigt, dass sich vollkommen gleiche Rechenleistungen nicht einfach aufsummieren lassen, genauso wenig wie Schmerz- und Lusterfahrungen. Die daraus abgeleitete Frage „[W]elche materiellen Vorgänge sind direkt mit Bewußtsein verknüpft?“ muss ebenso in die Irre führen, da eine Grenzziehung an einem bestimmten Ort in Bewusstseinsfragen (wie gezeigt) sinnlos wäre. Somit wird auch die Trennung organisch/anorganisch hinfällig: „Organisch oder unorganisch zu sein wäre demnach eine Eigenschaft nicht sowohl des Objekts als unseres Standpunktes oder dessen, worauf wir das Augenmerk gerade richten.“ Das, was ungeachtet dieser allgemeinen Definition trotzdem als 'lebend' wahrgenommen wird, hängt eher mit der Fähigkeit zusammen, Erinnerung zu generieren und somit lernfähig zu sein; nur wird beispielsweise die Erinnerung zu atmen vom Individuum selbst nicht mehr erlernt werden müssen, ebenso wie möglicherweise moralisches Handeln in der Zukunft. Für die menschliche Ethik in unmittelbarem Zusammenhang stehend, war und ist mithin die – wörtlich zu nehmende – 'Selbst-Überwindung': „Phylogenetisch alte Staatenbildner wie die Ameisen und Bienen haben […] den Egoismus längst abgelegt. Der in dieser Hinsicht offenbar viel jüngere Mensch ist erst im Begriffe, das zu tun […]. Dies also scheint mir die biologische Rolle des ethischen Werturteils; es ist der erste Schritt auf dem Wege der Umbildung des Menschen zu einem animal sociale.“ Damit endet der erste Teil des Buchs und der Autor schließt 35 Jahre später mit der Frage „Was ist wirklich?“ daran an.

Was 'wirklich' laut Schrödinger zunächst mal nicht sein kann, ist der Dualismus Geist vs. Materie, da jede ursächliche Bestimmung des einen durch das andere scheitern muss: Definiert man Materie durch Geist, müsste die materielle Eigengesetzlichkeit durch Geist gestört werden, definiert man Geist durch Materie, müsste man einsehen können, „wie materielles Geschehen sich in Empfindung oder Gedanken umsetzen soll“. Einen Ausweg aus dieser epistemologischen Misere bietet Bertrand Russell mit „The Analysis of Mind“, „wonach das Physische und das Psychische aus gleichen Elementen bestehen, bloß in verschiedener Bündelung, während die Elemente selbst weder als psychisch noch als physisch zu bezeichnen seien“. Die Seite wiederum, von der aus das Ganze betrachtet werden muss, ist laut Schrödinger das Psychische, „da das Psychische doch jedenfalls da ist (cogitat – est)“. Auf diese Weise kann die Außenwelt als das aufgefasst werden, was sie eigentlich ist: eine Außenweltvorstellung, der – vom 'Ich' ausgehend – kein wirkliches außen zugeordnet werden kann und, da der Eigenleib inbegriffen ist, auch kein innen. Die so definierte 'Welt' ist damit gleichfalls eine Erkenntnisgrenze, da ihr als „schlechthin Gegebenes“ kein weiteres Objekt entsprechen kann und muss. Ein manifestes Relationsindiz innerhalb solcher sinnlich voneinander geschiedenen Bewusstseinssphären ist die Imitation, die darauf fußt, „seine ganze Umgebung als belebt, als wollend und bewußt fühlend anzusehen“. Die in dieser permanenten Kommunikation mit omnipräsenten alter egos – oder richtiger formuliert: im „Innewerden von Simultaneitäten“ – erzeugte Weltkohärenz räumt in Hinblick auf den Menschen (aber nicht nur) der Sprache eine fundamentale Rolle ein, welche - so gesehen - notwendig pragmatisch (kontextabhängig), konstruktiv (generierend, nicht-deskriptiv) und performativ (handlungsimplizit) sowie hinreichend onomatopoetisch und syntagmatisch sein muss. Doch so ausgeklügelt dieser Kommunikations-/Erkenntnisprozess auch sein mag und werden kann, er ist eben – nicht zuletzt wegen der Subjektivität der Sinnesqualitäten selbst – auf Strukturen limitiert, sodass man sich zwar über die scharfsinnigsten Axiome (eben aufgrund von Strukturen) verständigen kann, aber niemals über spezifischen Inhalt – im Sinne von „Ist es eigentlich sicher, daß du das Grün dieses Rasens genau so siehst wie ich?“ Das Wissen um die „mehr oder weniger vollkommene Gleichheit der Struktur“ lässt sich folglich nur mit der „Identitätslehre“ ausreichend begründen – also der Hypothese, „daß wir alle eigentlich bloß verschiedene Aspekte des Einen sind“ –, wohingegen die Außenwelt-Hypothese genau in diesem Punkt einen Fehlschluss macht, wenn sie die „weitgehende Übereinstimmung zweier beobachteter Welten, sagen wir B und B' […] durch eine Art Übereinstimmung mit der realen Welt R“ zu begründen versucht: „Wer so denkt, vergißt, daß R nicht beobachtet ist. Niemand nimmt zwei Welten wahr, eine beobachtete und eine 'wirkliche'“. Die Außenwelt-Hypothese verlagert aber auch den Kausalnexus in R, was dazu führt, das eigene 'Innenleben' als irrelevant und – ethisch fatal – folgenlos einzustufen. Der im Gegensatz dazu „unvergleichlich höhere(n) ethische(n) Gehalt“, welcher aus der Identitätslehre völlig ungezwungen folgt und keine bloße, aus reinen Vernunftgründen abgeleitete „Ersatzethik“ oder „Utilitätsmoral“ ist, stellt für Schrödinger schließlich auch das ausschlaggebendste Kriterium dar, die eine Hypothese (Identitätslehre) der anderen („Materialismus“) vorzuziehen.

Fazit: 1. Dass alle (wirklich) großen Denker auch Philosophen waren, ist selbstredend. 2. Dass an Schrödinger zudem auch noch ein Schriftsteller verloren gegangen ist, ist laut seinem eigenen Bekunden (Interview mit J.W.N. Sullivan im „Observer“, 11.01.1931), nach der Lektüre dieses Buchs und nicht zuletzt nach Zurkenntnisnahme seiner hervorragenden Gedichte, die auf antiquarischem Weg glücklicherweise noch erhältlich sind, ebenfalls keine Frage mehr, also ein Fakt – nur leider ein sehr unbekannter. 3. Dass das 'Manifest' moderner Hochtechnologie Hand in Hand geht mit altindischer Weisheit, ist nicht nur verblüffend, sondern fundamental. 4. Dass Details der beiden Zentralthesen in Hinblick auf neuere Erkenntnisse vielleicht modifiziert werden müssen (Künstliche Gensynthese, BCI), tut der prinzipiellen Richtigkeit derselben keinen Abbruch, sondern definiert sie als nach wie vor aktuell. 5. Die Bescheidenheit Schrödingers, die vor allem im autobiographischen Teil „Mein Leben“ ins Auge fällt, macht ihn (den implied author) zutiefst sympathisch, täuscht aber über die Bedeutsamkeit hinweg, die man so en passant verabreicht, leicht übersehen kann – Obacht also an dieser Stelle. 6. Klare Empfehlung!




Kurzkritiken 1 (10/10)


     
anspruchsvoll, originell, nachhaltig, bereichernd, eröffnend, anstrengend







4 Treffer

»Eine chronologisch geordnete Lebensbeschreibung, mag nun der Schreiber derselbe sein wie der Beschriebene oder nicht, gehört, wenigstens für mich, zu den langweiligsten Dingen, weil doch in fast jedem Leben höchstens einzelne Erfahrungen oder Anmerkungen von Interesse sind, aber sehr selten die historische Aufeinanderfolge der beim Durchleben selbst wichtig scheinenden Begebenheiten.«
Stichworte: Biographie


»Bewußtsein ist ein Phänomen der Evolutionszone. Diese Welt erscheint sich selbst nur dort, wo und nur insofern als sie sich entwickelt, neue Formen gebiert. Stellen des Stillstands entgleiten dem Lichte des Bewußtseins, petrifizieren, erscheinen nur mehr mittelbar durch Wechselwirkung mit Stellen der Evolution.«
Stichworte: Bewusstsein


»[E]s (empfiehlt) sich nicht, die Vorstellungen und Gedanken eines Menschen in seinen Kopf zu verlegen, denn damit ließe man neben vielen anderen auch die ganze Außenwelt in einem Teil ihrer selbst enthalten sein, was gewiß nicht angemessen wäre, selbst wenn es solcher Köpfe nur einen einzigen geben würde.«
Stichworte: Wirklichkeit


»Freilich, 'das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.' Und je feiner, subtiler, abstrakter und zugleich erhabener der Glaube, umso ängstlicher hascht der schwache, schwindelnde Menschengeist nach einer wunderbaren Stütze, und wäre sie noch so albern.«
Stichworte: (Aber-)Glaube





Inhalt:

Einführung (Auguste Dick)
Mein Leben
Meine Weltansicht
Vorwort

Suche nach dem Weg
1. Über Metaphysik im allgemeinen
2. Eine unerfreuliche Bilanz
3. Das philosophische Staunen
4. Das Problem Ich – Welt – Tod – Vielheit
5. Die vedântische Grundansicht
6. Exoterische Einführung in das naturwissenschaftliche Denken
7. Weiters über die Nicht-Vielheit
8. Bewußtsein, Organisch, Anorganisch, Mneme
9. Über das Bewußtwerden
10. Über das Sittengesetz

Was ist wirklich?
1. Gründe für das Aufgeben des Dualismus von Denken und Sein oder von Geist und Materie
2. Innewerden der Weltgemeinschaft durch die Sprache
3. Unvollkommenheit der Verständigung
4. Die Identitätslehre: Licht und Schatten
5. Die zwei Anlässe zum Staunen. Ersatzethik


Linktipp: »Deutsch« als Originalsprache haben auch