Literarisches Werk


Der weiße Pfau

(The White Peacock)

D. H. Lawrence

 



Übersicht

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Originalsprache : Englisch
 


Kurzbeschreibung


»Der weiße Pfau« ist ein Roman von D. H. Lawrence. 1911 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Regeln ohne Spiel – D.H. Lawrence' „Der weiße Pfau“
D.H. Lawrence – bekannt u.a. durch „Lady Chatterley“ (1928) – legt in seinem Erstlingswerk „Der weiße Pfau“ (1911) bereits eine bemerkenswert ausgefeilte Poetologie hin. So ist man anfangs irritiert, weil man denkt, sich in einer, dem Realismus typischen Dorfgeschichte wiederzufinden, doch trügt dieser Schein, da das viktorianische Setting lediglich genutzt wird, um eine analytische Geschichte des Begehrens und Gegenbegehrens zu entfalten –vermittelt durch einen Erzähler, der die sozio-psychologischen Mechanismen im Kosmos „Nethermere“ scharfsinnig durchblickt, sie aber lediglich deskriptiv fixiert; eine Erklärung für diese Art des Weltgeschehens hat auch er nicht parat, im Gegenteil – sie verpufft in der quasi-personalen Erzählsituation am 'Ich' des Erzählers, aber nicht, weil eine Identitätsproblematik zu verhandeln wäre, sondern weil diese Erklärung selbst erst 'später' (oder auf einer anderen Ebene), im Relationalen, fußt. Aber wo genau und wie? Das bleibt auch nach der Lektüre eine offene Frage.

So ausdifferenziert Lawrence diese dialektische Begehrensstruktur szenisch und im Dialog schildert, so vereinfacht erscheint sie als Muster in der Symbolschicht, welche – etwa in der Landschaftsdarstellung – der Frage nach dem Wo und dem Wie einen Ort verleiht, von dem aus ein epistemischer Grundriss gezeichnet wird. So sind die „Geister der Romantik“ in der Landschaft codiert, dergestalt dass eine Gemütsempfindung sich darin widerspiegelt, gleichzeitig aber auch der Spiegel selbst als kognitiver Frame ins Blickfeld gezogen wird: „Schau, wie wir unter einem Netz niedergehalten werden – Zweige mit Knoten grüner Knospen“. Interessant daran ist zudem, dass die (zeitgemäß) tiefenpsychologische Willensstruktur im (naturalistischen) Wandel selbst eingeschrieben ist: „Endlich […] begann der Winter seine Gliedmaßen zusammenzuraffen, sich zu erheben und mit beschmutzten Gewändern nordwärts zu ziehen […]. Ich erinnere mich eines Tages, da die Brust der Hügel sich in einem letzten, schnellen erwachenden Seufzer hob und die blauen Augen der Teiche sich hell öffneten. Über den unendlichen Märzhimmel segelten den ganzen Tag große und runde geschwellte Wolkenmassen stattlich dahin“. Der so verstandene Wandel ist aber keinesfalls starr definiert, er lässt den (kulturalistischen) Blick ebenfalls partizipieren, womit eine zwiespältige Grundsituation angedeutet wird, welche die Welt als Wille und Vorstellung kontingent werden lässt: „Die alten Sinnbilder waren abgebraucht und albern“. Entsprechend figuraler Konfigurationen kann dieses Prinzip skaliert werden (jeder ist jedem irgendetwas), wobei die Konturierung mit zunehmender Personenzahl statischer wird, sodass ein Freundeskreis noch als „dankbares, leidenschaftsloses Liebestrio“ erscheint, ein Jahrmarkt oder eine Weihnachtsgesellschaft jedoch als (starres) Pandämonium karikiert wird: „Die Drehorgel plärrte weiter – die Schlangendame trat zu einer nochmaligen Aufforderung vor, dann wurde es stiller. Der 'starke Mann' war hinter dem Lumpenvorhang verschwunden, um mit seinem Partner zu boxen. Der Kokosnußmann war voll Wut über das schlechte Geschäft in die 'Drei Tonnen' gegangen“; „Ich glaube, Sie sind ein Wolf – ein wahrer rôdeur des femmes“. Interessanterweise funktioniert dieses Prinzip nur in eine Richtung (hin zu jemandem/hin zu etwas), womit die bereits erwähnte Ich-Situation des Erzählers manifest wird: „Ich blieb an meinem Fenster sitzen und sah die niedrigen Wolken vorbeifegen […] – ich selbst schien alle Substanz verloren zu haben, von allen greifbaren Dingen und dem festen Gehsteig des Alltags losgerissen worden zu sein. […] Dann hörte ich die Kiebitze auf der Wiese schreien. Sie schienen den Wind zu suchen und ihn doch zu beschimpfen. Sie kreisten im Wind und hörten doch nicht auf, über ihn zu klagen“. An diesem Punkt erhält der Pfau seine diegetische Berechtigung, indem er – flankiert durch die Geschichte des Wildhüters, welcher der Gesellschaft entsagt hat und das Tier als Prototyp weiblichen Eigensinns bespöttelt; andererseits vom Erzähler als archaisches Prinzip der Naturerhabenheit gepriesen wird – das Symbolische selbst als erkenntnistheoretische Ausgangssituation des Menschen metaisiert – zusätzlich verstärkt durch die Dopplung des Mondscheins (weiß – weiß): „Der Pfau flappte an mir vorbei, hinauf auf den rauhen, dunklen Hals eines alten, gebeugten Engels, eines Engels, der längst […] auch gestorben war. Der Vogel bog seinen üppigen Hals und spähte umher. Dann hob er den Kopf und schrie. Der Klang zerriß das dunkle Heiligtum des Zwielichts. Das alte graue Gras schien sich zu regen, und ich konnte mir vorstellen, wie die davon bedeckten Primeln und Veilchen erwachten und vor Angst ächzten.“ Das ganze Feld gesellschaftlicher Binarismen, welches vor dem Hintergrund der Dopplung nicht nur verschleiert, sondern – eingedenk der perspektivischen Schieflage – auch relativistisch erscheint, wird somit als Matrix ersichtlich (im Kontext der Pfau-Szene v.a. edel/wild; weiblich/männlich; zivilisiert/naturalisiert; körperlich/seelisch; schön/hässlich; schicksalhaft/zufällig), welche zwar (wirkmächtige) Narrative und Bilder entfaltet (ablesbar an den Lebensentwürfen und -verläufen der einzelnen Figuren), aber als Tertium Comparationis selbst mystisch bleibt.

Fazit: Lawrence nimmt in seinem Debütroman völlig undidaktisch und rein deskriptiv das menschliche Weltgeschehen mit sozio-psychologischem Scharfsinn unter die Lupe und verleiht dem Medium der Literatur durch symbolische Verdichtung epistemische Evidenz. Die dreigeteilte Handlungsstruktur wirkt dabei etwas altbacken, liest sich aufgrund des souverän-stilistischen Eklektizismus jedoch durchaus ansprechend. Auch die (instabile) Verplottung von Bewältigungsstrukturen, welche die Leichtigkeit des Seins (symbolisiert etwa durch intrinsische Doppelpulse oder einen „luftleere[n] Raum mit […] schreckliche[m] Druck“) mit dem Gesellschaftlichen verlitzen, ist interessant. Insgesamt ist der „weiße Pfau“ also auch heute noch eine Empfehlung.




3 Treffer

»Der Raum, der so ruhig und schlicht aussah, war ein durch Generationen entwickeltes Heim […]. Am Ende besaß er nun ein eigenes Gesicht«
Stichworte: Stabilität


»Ich kann oft lange bei den Stockrosen sitzen und das Gewimmel der Bienen beobachten, die einen Augenblick außerhalb der wilden Blüten schweben und zögern und dann mit einem Summen, das alles erbeben läßt, sich hineinschwingen. Aber noch fesselnder ist es, das Kommen und Gehen von Leuten zu beobachten, die mit der ganzen heimlichen Anmut und Rätselhaftigkeit ihrer gleitenden, wohlgeformten Körper das komplizierte Netz ihrer Absichten weben und knüpfen.«
Stichworte: Wille


»Es ist eine Frage des Lebens und der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Gesellschaft und ihre Gesetze sind nicht eine Art Drill, den endlose Napoleone uns aufgezwungen haben: es ist der einzige Weg, den wir bisher gefunden haben«
Stichworte: Wandel