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Literarisches Werk


Traurige Tropen

(Tristes Tropiques)

Claude Lévi-Strauss

 



Übersicht


Originalsprache : Französisch
Umfang : ca. 476 Seiten
 
Thema : Ethnologie, Strukturalismus, Forschungsreise
Figur : Indianer
Ort : Brasilien
 
Besondere Liste : Das Buch der 1000 Bücher, 100 Bücher des 20. Jh. von Le Monde
Verlag : Suhrkamp Verlag
 


Kurzbeschreibung


»Traurige Tropen« ist eine Reportage von Claude Lévi-Strauss. 1955 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Anspruch
Wissen
  8
10
      Liebe
Humor
  3
3
      Erotik
Spannung
  1
2
      Unterhaltung
Transzendenz
  5
8
     



„Traurige Tropen“ wurde 1955 erstmals veröffentlicht und avancierte prompt zu einer der Gründungsschriften des Strukturalismus. Das Buch befindet sich auch heute noch in zahlreichen Kanon-Listen und stellt zweifelsfrei einen der Marksteine im Schaffen Claude Lévi-Strauss' dar. Hintergrund war seine Tätigkeit als Professor für Soziologie in São Paulo, wo er in den Jahren 1935-38 diverse Forschungsreisen ins Innere des Landes unternahm. Der Text selbst ist ein Hybrid aus Reisebericht, Essay und Ethnographie.

Dieser Hybridcharakter ist es auch, welcher mir persönlich die ersten vier Teile weitgehend verleidet hat, denn es finden sich darin allzu viele Binsenweisheiten und Schilderungen profanster Reiseumstände. Die weitere Essenz der ersten vier Sinnabschnitte besteht aus Lévi-Strauss' Abneigung gegen den effekthascherischen Reisebericht- und Ethnographiemarkt, der sich mehr von touristischem Voyeurismus denn relevanten Dingen nährt sowie aus der Abneigung des Autors gegen die philosophische Lehrmeinung der Zeit, welche durch ihre phänomenologisch-existenzialistische Begrenzung am „Realen“ vorbeigeht, wohingegen es der Ethnographie gelingt, das Sinnliche ins Rationale dis-kontinuierlich zu integrieren und damit den induktiven (für Lévi-Strauss wohl als scholastisch empfundenen) Subjektfokus überwindet, ohne ihn zu verdrängen: „Die Ethnographie gibt mir intellektuelle Befriedigung: als Geschichte, die an ihren beiden Extremen sowohl die Geschichte der Welt wie meine eigene berührt, entschleiert sie gleichzeitig deren gemeinsame Vernunft“. Es folgt dann noch, um eine globale Klammer aufzumachen, welche zum Schluss in puncto Religion wieder aufgegriffen wird, ein „geistiges travelling“ nach Südasien, das vor allem zeitgenössische Demographien und Marktformen genauer unter die Lupe nimmt – und damit endet die (nahezu) erste Hälfte von „Traurige Tropen“.

Ab dem fünften Teil geht es dann (endlich) ans Eingemachte: Lévi-Strauss analysiert zunächst die Caduveo – ein Volk, das vor allem durch seine vielschichtigen Körperbemalungen auffällt, welche ein „Netz asymmetrischer Arabesken […], die mit subtilen geometrischen Motiven abwechseln“, darstellen: Gezeigt werden dualistisch arrangierte Prinzipien (wie Winkel und Kurve, Linie und Fläche), welche durch Fragmentierung und Resynthetisierung erneut Elemente ergeben, die ihrerseits wieder auf die Themen erster Ordnung verweisen und so weiter. Die Bemalung an sich ist damit zunächst identitätsstiftend, denn somit unterscheidet sich der Mensch qua Kulturleistung vom 'nackten' Tier. Im weiteren Sinne ist es aber auch der Versuch, verschiedenste und teilweise widersprüchliche Teilbereiche im Gesellschaftlichen (wie Kasten, Heiratsregeln usw.) sinnstiftend miteinander zu verbinden: „[E]s (handelt) sich um eine komplexe Situation, die zwei widersprüchlichen Formen von Dualität entspricht und die zu einem Kompromiß führt, der durch einen sekundären Gegensatz […] realisiert wird“.

Alsdann werden die Bororo betrachtet. Hier sticht vor allem das Kapitel „Die Lebenden und die Toten“ ins Auge, denn (vermutlich) hat jede Gesellschaft ihre eigene Art, das Verhältnis der Lebenden zu den Toten zu regeln; und so unterschiedlich die Lösungen dafür sind, so eindeutig ist die imaginierte, als Handelsbeziehung gedachte, Basis, auf welcher die jeweilige Lösung rituell fokussiert wird. Zunächst werden zwei allgemeine Extreme herausgestellt: Die „gerechte Teilung“ auf der einen Seite, welche Schutz gegen Ehrerbietung meint, und die „entfesselte Spekulation“ auf der anderen, welche einen Nutzen aus der körperlich-symbolischen 'Sache' ziehen will (mit allen abergläubischen Folgeängsten). Die komplexen, mehrere Wochen andauernden Bestattungszeremonien der Bororo zeigen nun, dass sie für beide Varianten nicht nur eigene Systeme entwickelt haben, sondern diese auch noch mittels komplementärer Mechanismen zu verbinden vermögen, „in der Hoffnung, beide zu versöhnen“. Da wären beispielsweise der bari, ein Zauberer, welcher für das physische Universum und die entfesselte Natur steht und der aroettowaraare, ein Priester, welcher das soziologische Universum und die gesittete Gesellschaft vertritt. Beide zeichnen sich durch diametrale Aufgaben und Lebensweisen aus, denn während der Bari auf Opfergaben hoffen darf, Pakte mit Toten schließt und in die Zukunft schauen kann, lebt der aroettowaraare sehr schlicht, begleitet die Toten und leistet Fürbitten. Ähnlich verhält es sich mit der Totenjagd und dem Totengesang: Der Tod eines Menschen stellt zunächst einen Schaden dar, welchen das physische Universum dem soziologischen zugefügt hat, weshalb es nur rechtens ist, ein großes Tier zu erlegen. Aus diesem wird dann der sogenannte mori erstellt, welcher als Artefakt für die Einverleibung des Toten in die „Seelengemeinschaft“ benutzt wird, was wiederum einen Ausgleich, den Totengesang, erfordert, welcher schließlich im Totentanz mündet und so weiter – praktiziert wird also eine Folge von Ausgleichshandlungen, die sich irgendwann einpegelt: „[I]n einem fröhlichen Durcheinander haben die Eingeborenen das Gefühl, mit den Toten zu spielen und ihnen das Recht abzugewinnen, am Leben zu bleiben“.

Das mit Abstand beeindruckendste Kapitel ist jenes über die Nambikwara – eine Gesellschaft, die selbst von den umliegenden Indianern als 'wild' angesehen wird und auch auf den Autor den Eindruck macht, als käme sie direkt aus der „Steinzeit“ („jedoch zu Unrecht“): Das Nambikwara-Jahr gliedert sich in eine Regenzeit, welche geprägt ist von Sesshaftigkeit (Palmhütten) und Gartenbau und in eine Trockenzeit, welche vom Umherstreifen durch die Savanne (Schlafen auf dem Boden) und dem Sammeln sowie der Jagd bestimmt ist. Obwohl die materielle Komponente aufs Denkbarste reduziert ist („Das gesamte Hab und Gut […] findet bequem in der Kiepe Platz“), tragen diese Menschen ihr höchstes Kulturgut immer mit sich: die mündliche Sprache. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie Fremden nicht ihre Eigennamen verraten und diese mit ihnen, um sie anzusprechen, über entlehnte Namen verhandeln müssen. Mitglieder aus der eigenen Gruppe wiederum werden mit großer Geduld auf grammatikalische Fehler aufmerksam gemacht und die Sprache selbst besitzt über zehn kategorisierende Suffixarten (für spitze Gegenstände, runde Gegenstände, aufgeblähte Sachen, hängende Sachen usw.). Zudem ist, im Gegensatz zu anderen Völkern, die Macht des Häuptlings äußerst ephemer und beruht ausschließlich auf Zustimmung. Das Paar hingegen erscheint als zentrale sozioökonomische Einheit: „Von ihnen allen geht eine große Freundlichkeit aus, eine tiefe Sorglosigkeit, eine naive und bezaubernde animalische Zufriedenheit und, alle diese Gefühle zusammenfassend, so etwas wie der rührendste und wahrhaftigste Ausdruck menschlicher Zärtlichkeit“.

Mit den Tupi-Kawahib schließlich begegnet Lévi-Strauss einer im Untergang begriffenen Gesellschaft, welche vorm endgültigen Verlassen ihres Dorfs den Ethnologen noch einmal an ihrem Leben teilhaben lässt. Dieses von Pflanzenanbau und Gastfreundschaft geprägte Volk zeichnete sich vor allem durch das Häuptlingstum, welches „Gegenstand einer komplexen Organisation“ war, und die damit verbundene Kultur aus. So berichtet der Autor, wie er überraschenderweise Zuschauer einer insgesamt zwölf Stunden dauernden (auf drei Abende verteilten) Operette werden durfte: „Er allein [der Häuptling] verkörperte ein Dutzend Personen. Und jede von ihnen unterschied sich durch einen bestimmten Ton der Stimme – kreischend, im Falsett, guttural, dröhnend – sowie durch ein musikalisches Thema, das ein wirkliches Leitmotiv bildete“.

Der letzte Teil des Buchs trägt die Überschrift „Die Rückkehr“, welche das Erlebte persönlich und schließlich fachlich wie global verortet. Lévi-Strauss berichtet zunächst von seinem, Fragment gebliebenen, Theaterstück „L'Apothéose d'Auguste“, einer Kontrafaktur auf Corneilles „Cinna ou la Clémence d'Auguste“. Darin geht es um die inneren Widersprüche, welche ihn auf seiner Reise immer wieder begleitet haben; verkörpert in den beiden Antagonisten Augustus, welchem durch die anstehende Apotheose ein weltliches imperium beschieden ist (das aber nicht mehr erobert zu werden braucht) und Cinna, welchem durch seine zehnjährige Abkehr von der Gesellschaft nun ein geistiges regnum obliegt (das aber nur ihm allein gehört und somit völlig sinnlos ist). Das Ganze endet dann in einem (fast) mörderischen Plot. Das darauf folgende Kapitel „Ein kleines Glas Rum“ verallgemeinert diese Widersprüche für den ethnographischen Beruf und hebt sie produktiv auf, indem die ethnographische Tätigkeit (in Anlehnung an Rousseau) an ein gesellschaftliches Ziel gekoppelt wird, das darin besteht, „alle Gesellschaften heranzuziehen, ohne das Geringste von ihnen zu übernehmen, um jene Prinzipien des sozialen Lebens herauszuschälen, die uns erlauben, unsere eigenen Sitten und nicht die fremder Gesellschaften zu reformieren: denn dank einem umgekehrten Privileg können wir einzig die Gesellschaft, der wir angehören, verändern, ohne Gefahr zu laufen, sie zu zerstören; denn die Veränderungen, die wir einführen, kommen auch aus ihr selbst“. Ein Beispiel dafür sieht der Autor, um die anfangs geöffnete Klammer wieder zu schließen, im Ausüben religiös-weltanschaulicher Toleranz, welche für ihn im Buddhismus am weitesten fortgeschritten ist: „Zwischen diesem Kultus und mir gab es kein Mißverständnis. Hier ging es nicht darum, sich vor Idolen zu verneigen oder eine angeblich übernatürliche Ordnung anzubeten, sondern lediglich darum, dem Denkgebäude Ehre zu erweisen, an dem ein Mann – oder die Gesellschaft, welche seine Legende schuf – vor zweitausend Jahren arbeitete und zu dem meine Kultur nur dadurch beitragen konnte, daß sie es bejahte“.

Was bleibt zu sagen? Zunächst einmal die bemerkenswerte Tatsache, dass zu einem Zeitpunkt, an dem die ganze Welt gegeneinander aufgehetzt wurde (so erfuhr Lévi-Strauss von der Mobilmachung „mit viermonatiger Verspätung“ aus der Zeitung eines Kautschuksuchers), es offensichtlich auch gegenteilige (und nur scheinbar weltabgewandte) 'Mobilmachungen' gab, welche nicht Eroberung, sondern Erkenntnis zum Ziel hatten. Alsdann wäre zu erwähnen, dass spätestens seit diesem Buch nicht mehr von sogenannten 'primitiven' Völkern die Rede sein kann, betrachtet man sich das „außergewöhnliche Raffinement […], das in soziologischer und religiöser Hinsicht jene Stämme“ aufweisen, „deren Kultur man bisher für sehr ungehobelt gehalten hatte“. Alles in allem ist „Traurige Tropen“ voll mit brillanten ethnologischen Beobachtungen und nicht minder gehaltvollen Essays (etwa über die Schriftlichkeit oder den Ursprung menschlichen Lebens auf dem amerikanischen Kontinent – um nur zwei zu nennen). Die zuweilen etwas langatmigen Reisebeschreibungen in der ersten Hälfte des Buchs sind da wirklich nur das (subjektive) Haar in der Suppe.




2 Treffer

»Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird ohne ihn enden. Die Institutionen, die Sitten und Gebräuche, die ich mein Leben lang gesammelt und zu verstehen versucht habe, sind die vergänglichen Blüten einer Schöpfung, der gegenüber sie keinen Sinn besitzen, es sei denn vielleicht den, daß sie es der Menschheit erlauben, ihre Rolle in dieser Schöpfung zu spielen.«

»Jedes ausgetauschte Wort, jede gedruckte Zeile stellt eine Verbindung zwischen zwei Partnern her und nivelliert die Beziehung, die vorher durch ein Informationsgefälle, also durch größere Organisation gekennzeichnet war. Statt Anthropologie sollte es 'Entropologie' heißen, der Name einer Disziplin, die sich damit beschäftigt, den Prozeß der Desintegration in seinen ausgeprägtesten Erscheinungsformen zu untersuchen.«
Stichworte: Entropologie





Eva Moldenhauer (1978)



Traurige Tropen
Traurige Tropen
(Claude Lévi-Strauss)

Suhrkamp Verlag, 2010, 424 S., Kt.
  
19,00 €

Traurige Tropen
Traurige Tropen
(Claude Lévi-Strauss)

Suhrkamp Verlag, 2008, 541 S., Geb.
  




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