Übersicht


Epoche : Exilliteratur
Originalsprache : Deutsch
Genre : Entwicklungsroman
Umfang : ca. 288 Seiten
 
Thema : Flucht, Emigration, Exil
Ort : Marseille
Zeit : 1940
 
Besondere Liste : Meyers Kleines Lexikon - Literatur, 1001 Bücher, Das Buch der 1000 Bücher
Verlag : Aufbau-Verlag, Bertelsmann-Club, Reclam-Verlag, Süddeutsche Zeitung
Produktreihe : Reclams Universal-Bibliothek
 


Kurzbeschreibung


»Transit« ist ein Roman von Anna Seghers. 1944 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Anspruch
Wissen
  10
6
    Liebe
Humor
  10
3
    Erotik
Spannung
  4
10
    Unterhaltung
Transzendenz
  5
4
   



Eine Geschichte über Marseille
Wir haben hier einen der seltsamsten, einen der kunstvollsten und der ergreifendsten Texte der deutschen Gegenwartsliteratur vor uns: welch ein geniales Verwirrspiel! Der Titel ist Programm - alle handelnden Personen befinden sich in einer transitären, einer Übergangssituation, und eben nicht nur den äußeren Umständen nach. Sie drohen ihrer Identität, ihrer Wurzeln, alles Festen und Gewachsenen in ihrem Leben verlustig zu gehen. Sie wissen nicht, wer sie morgen seien werden – wenn es ihnen denn gelingt, das Leben zu retten.
Aber der Reihe der Handlung nach: Der zweite Weltkrieg hatte begonnen, Frankreich hat bald kapituliert, Frankreich ist der Ort der Handlung, genauer: Marseille Anfang der 40-er des 20. Jahrhunderts. Die Hauptperson des Romans ist der Erzähler einer Geschichte, die sich gerade begeben hat; sein Name wird nie genannt. Er könnte, als menschliches Wesen mit Ängsten und Leidenschaften, unbedacht wie nachdenklich, übermütig-wagemutig und umsichtig-planvoll, fürsorglich, liebevoll-zärtlich und verzichtend-aufopferungsvoll, er könnte fast ein Jedermann sein. Aber er ist im Roman nicht jedermann – er ist jemand Bestimmtes. Und das kam so: Juni 1940, die Deutschen besetzen Paris; als Deutscher, der vor den Nazis nach Frankreich fliehen mußte, ist man gezwungen, nun weiter nach Süden zu ziehen. Im Hotelzimmer neben dem Erzähler ist ein deutscher Schriftsteller in eben dieser Lage – und entzieht sich ihr durch Selbstmord. An den Erzähler fallen dessen Papiere, darunter ein Manuskript, das er liest und das ihn mit Ehrfurcht vor dem Können des Toten erfüllt. Der Erzähler erfuhr aber auch, daß die Ehefrau des Schriftstellers in Marseille seien muß. Ihr sollte er wohl den Nachlaß übergeben.
Marseille: wenn es ein europäisches Synonym für ‚Hafen‘ gäbe, dann hieße das von alters her Marseille. Aber Marseille ist, ab Juni 1940, kein Hafen, kein Zielpunkt mehr für Herumgereiste und Umhergetriebene: Das Hafenbecken von Marseille ist nun der Hoffnungspunkt so vieler Flüchtender und Verzweifelter, von dort aus fortzukommen aus Europa, das ihnen keine Heimat, kein Hafen mehr ist – fort an die Küste Afrikas, nach Amerika – oder nach Mexiko, wohin die Autorin selbst es damals geschafft hatte zu fliehen.

In Marseille angekommen, mit den falschen Papieren des Schriftstellers, die ihm, der nur unzulängliche eigene besitzt, nun Schutz bieten, entsteht der Ruf über den Erzähler, nicht er selbst, sondern eben der Schriftsteller zu sein, von dessen Tod hier niemand etwas weiß. Natürlich ist er es nicht für jene, die den Schriftsteller kennen – ihnen spielt er, der Erzähler ohne Namen, dem es nicht gelingt, das Mißverständnis aufzuklären, den Begleiter des Schriftstellers vor. Und dann ist da noch die Frau des Schriftstellers, Marie. Sie liebt der Erzähler vom ersten Augenblick an – ohne zunächst zu wissen, daß sie die Frau des Mannes ist, dessen Nachlaß er zu übergeben hätte und mit dessen Papieren er sich zuweilen legitimiert. Sie lebt jetzt mit einem Arzt zusammen – und der Arzt betreibt ihre gemeinsame Ausreise. Als Marie aber hörte, ihr Mann, der Schriftsteller, sei in Marseille eingetroffen, will sie ihn treffen, sich aussprechen, nicht ohne ihn abreisen. Das alles bespricht sie mit dem Erzähler, der nun ihre Schritte leitet, ohne ihr die wirklichen Zusammenhänge aufzudecken. Denn sein Plan ist es, mit Hilfe seiner Papiere und seines Geschicks bei den Ausreisebehörden, mit Marie zusammen von Dannen zu kommen – ohne den Arzt, versteht sich.
Der Erzähler schildert seine Erlebnisse bei den Ausreisebehörden, die die erschütternden Lebenswege all jener offenbaren, die an den Rand getrieben sind, an den Rand des Kontinents, der doch der ihre ist – und der sie nun von seinem Rand ins Nirgendwo fallen läßt.
Marie läßt sich auf alles ein – in der verzweifelten Hoffnung, ihren Mann zu treffen, und sei es erst auf dem Schiff. Dadurch kühlt sich ihr Verhältnis zu dem Arzt merklich ab – ja, ihre Zuneigung für den Arzt wird verdrängt durch die Erinnerung an ihren Mann und das Bewußtsein, wie schätzenswert sie ihn findet. Das ist dem Erzähler nicht wirklich recht, aber er kann es verstehen, war er seinerseits doch fasziniert von dem, was er von dem Schriftsteller gelesen hat. Der Tote ist der Bezug zwischen dem Erzähler und Marie, die ihn am Leben und in Marseille wähnt; der Tote verbindet sie – und er trennt sie, weil Marie sich ihm immer noch zugehörig fühlt. Der Erzähler kann, auch wenn – und gerade weil er die Identität des Toten annimmt, nicht zu ihr gelangen.
Die Lage des Erzählers selbst wird noch zusätzlich verkompliziert, weil der Sohn seiner französischen Freunde, bei denen er untergekommen ist, schwer erkrankt. Der Freund von Marie, der Arzt, soll den Jungen retten. Das gelingt ihm auch. Aber der Erzähler erlebt dadurch ein weiteres Mal, daß sein eigentlich einfaches und gradliniges Leben geradezu besetzt wird: er tritt auf als jemand anderes, er macht Marie etwas vor und speist sie mit Legenden ab, er will den Arzt, der sich ihm als Freund nähert, beiseite drängen und muß ihn nun im Gegenteil in sein Leben hineinziehen.
Die Verstrickung aller Beteiligten ist an diesem Punkt so unentwirrbar geworden, daß es schließlich nur die Lösung gibt: der Erzähler beschafft, um Marie zu retten, ihr ein Schiffsticket und alle Papiere für eine Ausreise – und der Arzt wird mit ihr gehen.
Er selbst, der Erzähler, aber bleibt zurück. Er sitzt im Café am Quai des Belges beim Alten Hafen von Marseille, trinkt Rosé und erzählt diese Geschichte. Er wird das Schicksal seiner französischen Freunde teilen – und damit besteht er allein von allen Transitären auf dem Recht, seinen Kontinent Europa zu halten und notfalls gegen die Nazis zu verteidigen.
Und so stellt es sich für den Leser heraus, daß er allein, der Erzähler, der doch mit seiner Identität spielte und in verschiedene Rollen schlüpfte, daß er allein bleibt, der er war. Er hat eine innere Festigkeit, er ist kein Transitär; wenn es denn einen Übergang, eine Transition geben soll: Er wird Hand anlegen, nicht ausgeliefert sein.




Kurzkritiken Transit (Anna Seghers) 9.5/10 2 9 10


     
nachhaltig
Ein atmosphärisch dichter Roman, der autobiographische Züge trägt und mit zu Seghers besten Werken zählt. Inwieweit er mit vergleichbaren Romanen anderer Autoren der Exilliteratur, unter ihnen sicher neben Thomas Mann und Stefan Zweig auch Lion Feuchtwanger und Erich Maria Remarque, in eine Reihe zu stellen ist, muss der Leser entscheiden.

     
anspruchsvoll, nachhaltig, bereichernd, fesselnd, ergreifend, erschütternd




Transit
Transit
(Anna Seghers)

Süddeutsche Zeitung, 2007, 270 S., Geb.


Transit. Das erzählerische Werk 1
Transit. Das erzählerische Werk 1
(Anna Seghers)

Aufbau-Verlag, 2001, 350 S., Ln.
30,00 €

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Transit
Transit
(Anna Seghers)

Bertelsmann-Club, 1995, 268 S., Ln.


Transit
Transit
(Anna Seghers)

Aufbau-Verlag, 1993, 290 S., Kt.
10,00 €


Romane und Erzählungen
Romane und Erzählungen
(Anna Seghers)

Aufbau-Verlag, 1991, EBr.
65,00 €


Transit
Transit
(Anna Seghers)

Reclam-Verlag, 1965, 237 S., Kt.