Zufallsartikel


Literarisches Werk


Das Manifest für Gefährten

- Wenn Spezies sich begegnen – Hunde, Menschen und signifikante Andersartigkeit -
(The Companion Species Manifesto)
(- Dogs, People, and Significant Otherness -)

Donna Haraway

 



Übersicht


Originalsprache : Englisch
Umfang : ca. 128 Seiten
 
Thema : Gefährtenspezies, Mensch, signifikante Andersartigkeit, Koevolution, Kokonstitution, Kohabitation
Figur : Hunde
 


Kurzbeschreibung


»Das Manifest für Gefährten« ist ein Essay von Donna Haraway. 2003 wurde das literarische Werk zuerst veröffentlicht.


Wenn Spezies sich begegnen
Donna Haraway, Evolutionsbiologin und Wissenschaftshistorikerin, die 1976 über Metaphorik im Evolutionsdiskurs promovierte und 1985 mit dem „Cyborg Manifesto“ nicht nur im facheigenen Terrain hohe Rezeptionswellen schlug, knüpft mit ihrem zweiten Manifest „für Gefährten“ (2003) nahtlos an zentrale Fragestellungen ihres bisherigen Schaffens, die sich unter anderem um das Verhältnis von Technologie und Biologie, die Herausbildung und Genese von Wahrnehmungskategorien sowie die kritische Hinterfragung etablierter Natur/Kultur-Dichotomien drehen, an. Im Zentrum dieses interdisziplinären Essays, der Ansätze aus (Evolutions-)Biologie, (Bewusstseins-)Geschichte,(Prozess-)Philosophie, (Sozial-)Anthropologie und Linguistik (Semiotik) miteinander verschränkt, steht die Beschreibung „speziesübergreifender Sozialität“ in Naturkulturen, wie beispielsweise der Mensch/Cyborg-, Mensch/Landschaft- oder eben Mensch/Hund-Beziehung. Der Hund wird dabei, wie zuvor die Cyborg, zum epistemologischen Betrachtungsdispositiv, zur „materiell-semiotischen Präsenz im Gebilde der TechnoWissenschaft“.
In Anlehnung an Alfred North Withehead entwickelt Haraway zunächst den Begriff des Erfassens, der immer genaues Hinsehen und – durch die Genauigkeit des Hinschauens – notwendigerweise auch ein Hinterfragen von Etabliertem bedeutet: „Die Welt ist ein Knoten in Bewegung. Biologischer und kultureller Determinismus sind beides Fälle von fehlplatzierter Konkretheit – der Fehler ist: erstens, provisorische und lokale, abstrakte Kategorien wie 'Natur' und 'Kultur' für die Welt zu halten; und zweitens, die daraus resultierenden wirkmächtigen Konsequenzen als vorgängige Grundlagen misszuverstehen.“ Anstelle dieser überholten Kategorien setzt die Autorin Marilyn Stratherns Konzept der partiellen Verbindungen, Muster, „die von kontraintuitiven Geometrien und inkongruenten Übersetzungen handeln“. Damit wird 'Erfassen' nicht nur zur theoretischen Grundlage des Manifests, sondern auch zum – Relativismus wie Universalismus zurückweisenden – Schlagwort feministischer Theorie sowie zur permanenten biosozialen Tätigkeit: „Erdenwesen sind erfassend, opportunistisch und dazu bereit, unwahrscheinliche Partner*innen in etwas Neues, etwas Symbiogenetisches, einzuspannen. Kokonstitutive Gefährt*innenspezies und Koevolution sind die Regel, nicht die Ausnahme.“ Von 'natur'-wissenschaftlicher Seite holt sich Haraway Unterstützung in den Konzepten des 'Eco-Devo' (= ecological development) aus dem Bereich der evolutionären Entwicklungsbiologie, welche Entwicklungsauslöser und -zeitabläufe von Organismen zum Untersuchungsgegenstand machen: „Wie Organismen Umwelt- und genetische Informationen auf allen Ebenen integrieren – vom sehr Kleinen bis zum sehr Großen – bestimmt, was sie werden. Es gibt keine Zeit und keinen Ort, an dem Genetik aufhört und Umwelt beginnt.“ Dieser theoretischen Vorarbeit eingedenk nimmt sich die Definition des zentralen Analysebegriffs 'Gefährtenspezies' (companion species) wie folgt aus: Ist ein Gefährtentier noch relativ eindeutig durch das Gebot des Nichtverspeisens ausgewiesen, gerät die dahinterstehende Spezies zur viergleisigen Angelegenheit. Zum einen wäre da die reale biologische Entität (kind) und – zweitens – die taxonomische Schublade, mit der diese Entität erfasst werden soll. Zum anderen geht es aber auch um die Einbindung in konkrete Lebenszusammenhänge, die vonstattengeht durch ideologisch aufgeladene Narrative (in Anlehnung an Louis Althusser), Tropen und schließlich – der vierte Aspekt – durch psychologisch-kapitalistische Fetischisierungsmechanismen (in Anlehnung an Norman O. Brown), also jenen „Mischtechnologien der reinrassigen Hervorbringung von Subjekt und Objekt“.
Der analytische Teil der Arbeit widmet sich nun der Betrachtung/Hervorbringung bestmöglicher Intersubjektivitäten im Kontext von Trainings- und Züchtungsmethoden. Die geeignetsten Trainingsmethoden dafür sieht Haraway vor allem in zahlreichen Konzepten positiver Verstärkung („Psychologische und physische Gewalt spielen keine Rolle in diesem Trainingsszenario; Techniken der Verhaltenssteuerung spielen die Hauptrolle“) sowie in einigen Ansätzen des Anthropomorphismus, welche artspezifische Heterogenität ernst nehmen und trotzdem „mit Intentionen aufgeladenen, Bewusstsein zuschreibenden linguistischen Praktiken“ arbeiten. Eine konkrete Anwendungsmethode dieses Trainingskonzepts wäre im Agility-Sport gegeben: „Das Ziel ist das Oxymoron der disziplinierten Spontaneität. Beide, Hunde und Halter*in, müssen in der Lage sein, die Initiative zu ergreifen und gehorsam auf das jeweils andere Wesen zu reagieren.“ Am Beispiel von Pyrenäenberghunden (Herdenschutzhunde) und Australian Shepherds (Hütehunde) verdeutlicht die Autorin nun, dass eine erfolgreiche Züchtungsgeschichte von unfassbar vielen Faktoren abhängig ist, unter anderem vom Zufall (etwa bei zuchtbegründenden Streunerhunden) oder vom ökonomisch-gesellschaftlichen Wandel, der viele Hunderassen in einander widersprechende Anforderungsmuster gepfercht hat, aber natürlich selbst Teil der Geschichte ist: „Der Kerntest eines Australian Shepherds bleibt […] die Fähigkeit, mit vollendetem Können eine Herde zu hüten. Wenn 'Vielseitigkeit' nicht dort beginnt, wird die Arbeitshunderasse nicht überleben.“ Am Beispiel des komplexen Adoptionsmechanismus, welcher puerto-ricanische Straßenhunde vom prekären Freiwilddasein in ambivalente Haustiersituationen überführt, zeigt Haraway schließlich, dass Arterfassung und -konstituierung von Gefährtenspezies notwendig ident sind und, sofern gelungene Intersubjektivität vorausgesetzt wird, auch selbstreflexiv: „Wir brauchen andere Nomen und Pronomen für die Verwandtschaftsgenres von Gefährt*innenspezies […]. Gene sind hier also nicht der Punkt, und das ist eine Erleichterung. Der Punkt scheint vielmehr die Herstellung oder das Schaffen von Gefährt*innenspezies zu sein.“
Fazit: Das „Manifest für Gefährten“ lehrt einem vieles, vom kritischen Hinterfragen von Ursprungsgeschichten und -realitäten bis hin zur Wahrnehmung von „weitere[n] verkettete[n], hervortretende[n] Welten“. Es ist aber vor allem die Art der Analyse, welche Emergenz als Normalfall berücksichtigt und somit Interdisziplinarität als Normalfall markiert. Die rückbezügliche und fraktale Form des harawayschen Schreibstils schafft genau dies, die „Welt in ihrem nicht reduzierbaren, persönlichen Detail zu würdigen“.




Kurzkritiken 1 (10/10)


     
anspruchsvoll, originell, nachhaltig, bereichernd, eröffnend, unterhaltend



2 Treffer

»Das Maschinelle und das Textuelle wohnen dem Organischen auf unwiderrufliche Weise inne – und umgekehrt.«
Stichworte: Art


»Die Beziehung ist die kleinste Analyseeinheit, und die Beziehung handelt auf jeder Ebene von signifikanter Andersartigkeit.«
Stichworte: Beziehung





Linktipp: »Hund« als Figur haben auch